Dienstag, 13. Dezember 2016

Türchen Nummer 11

What is love?

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat. Gott sandte seinen Sohn nicht in die Welt, um sie zu verurteilen, sondern um sie durch seinen Sohn zu retten.
Johannes 3,16-17


Türchen Nummer 10

To-Do-Liste, um Weihnachten auf die Spur zu kommen


  1. Zu Fuß einen langen Weg durch möglichst unbekanntes Terrain gehen, und dabei an die Wanderung von Maria und Josef denken
  2. Die Weihnachtsgeschichte in der Bibel nachlesen (Im Neuen Testament, Matthäus Kapitel 1-2 und Lukas Kapitel 1-2)
  3. Plätzchen backen und an jemanden verschenken, der nicht damit rechnet
  4. Fremde Menschen auf der Straße ehrlich anlächeln
  5. Jemanden zu einem gemütlichen Adventsnachmittag einladen, der neu im Haus/am Wohnort ist
  6. Einen Adventsgottesdienst besuchen 
  7. Ein Neugeborenes beschenken 
  8. Sich mit jemandem versöhnen
  9. Ehrenamtlich in einer Notübernachtungsstelle für Obdachlose arbeiten
  10. Eine Kerze anzünden, in die Stille lauschen und auf Gottes Nähe warten

Freitag, 9. Dezember 2016

Türchen Nummer 9

Lise sitzt am Tisch und wartet.
Sie wartet auf ihr Leben. Irgendwie ist es an ihr vorbei gegangen.
Am Anfang war es leicht: sie machte einfach, was die Erwachsenen ihr sagten. Damit war sie den ganzen Tag beschäftigt, und eigentlich lief es ganz gut.
Aber jetzt ist alles anders. Sie wohnt allein in einer Wohnung - endlich frei! hatte sie gedacht als sie zuhause auszog - und muss entscheiden, was sie mit ihrem Leben machen will.
Es ist nicht so, dass sie nichts zu tun hat. Sie hat eine Ausbildung gemacht, arbeitet acht Stunden am Tag in ihrer Firma. Sie hat Freunde, mit denen sie ausgeht. Da ist sogar Sven.
Sven hat ihr einen Antrag gemacht.
Und sie hat ja gesagt.
Aber jetzt, plötzlich, heute Morgen, ist es über sie gekommen.
Das große Gefühl von Leere.
Und nun sitzt sie hier, starrt auf die Weihnachtsbeleuchtung am Fensterrahmen und wartet.
Sie wartet auf die Zufriedenheit, die sich einstellen sollte, wenn alles so perfekt läuft.
Sie wartet auf die Schmetterlinge, auf die wundervolle Aufregung, die zu der Aussicht auf die eigene Hochzeit gehört.
Sie wartet darauf, dass Karl zurück ruft.
Karl ist Lises bester Freund. Sie hat ihn im Kindergarten kennen gelernt.
Sie haben Memory gespielt und Bilder gemalt. In der Puppenecke auf dem Sofa gesessen und sich Geschichten erzählt.
Dann kam Lise in die Schule, und Karl ins Krankenhaus.
Sie sahen sich monatelang nicht. Als er nach Hause kam saß Karl im Rollstuhl.
Das wird jetzt für immer so sein, sagten ihre Eltern.
Er ist mein bester Freund, sagte Lise.
Ihre Eltern meinten, sie solle sich neue freunde suchen. Karl kann nicht mehr zu uns kommen.
Karl besucht eine andere Schule.
Lise machte, was ihre Eltern sagten: sie suchte sich neue Freunde.
Aber nachmittags schlich sie heimlich zu Karls Haus und besuchte ihn. So oft es ging schlüpfte sie durch das Loch in der Hecke und traf ihn in seinem Garten.
Dann zog Karls Familie um.
Lise und Karl waren alt genug: Sie telefonierten, sie schrieben sich Mails, sie hielten Kontakt.
Dann hatte Karl eine Freundin. Lise freute sich für ihn, aber aus irgendeinem Grund tat ihr Herz trotzdem weh.
Dann kam Sven.
Und jetzt sitzt Lise da und wartet auf den Anruf von Karl.
Bestimmt freut er sich auch für sie.
Bestimmt sagt er: "Toll, Lise! Du wirst heiraten. Das hast du dir immer gewünscht. Du kannst eine Familie gründen. So, wie wir es uns immer vorgestellt haben, als wir kleiner waren, weißt du noch?"
Lise bemerkt auf einmal Tränen, die über ihre Wangen laufen.
Klar, Karl. Ich weiß es noch. Ich wollte eine Familie gründen.
Du hast gesagt, dass du unser Haus von außen grün anstreichen willst, und dass wir vier Kinderzimmer brauchen werden. Du wolltest im Garten ein riesiges Klettergerüst bauen. Und unser Wohnzimmer sollte so groß sein, dass alle Freunde unserer Kinder gleichzeitig zu Besuch kommen können, ohne sich vorher anzumelden.
Lise wischt sich die Tränen ab und schaut wieder auf die Weihnachtsbeleuchtung.
Und zu Weihnachten wollten wir jedes Jahr einen Baum schmücken, der bis zur Zimmerdecke reicht.
Sven lacht, wenn Lise ihm von ihren Träumen erzählt.
Sie liebt ihn wirklich. Er ist freundlich, witzig, kreativ. Er sagt ihr, was gut für sie ist.
Er wischt ihre Träume weg und füllt sie mit Realität.
Lise seufzt. Sie streicht über den Ring an ihrem Finger und steht auf. Unruhig geht sie in der Wohnung auf und ab. Da fällt ihr Blick auf die Weihnachtskrippe, die sie vorgestern aufgestellt hat. Die heilige Familie, umgeben von Hirten, Engeln und Weise.
Ihr Herz schlägt auf einmal schneller. Sie hat es lange nicht mehr gemacht, nicht mehr, seit sie als kleines Kind mit Karls Oma in der Kirche war, eigentlich.
Sie faltet die Hände und betet.
Als würde Gott ihr zuhören, erzählt sie ihm von ihrem Zweifel, ihrer Angst und der  Enttäuschung. Sie schüttet ihm ihr Herz aus und ist am Ende ganz still.
Ihr Herz schlägt wieder normal, und in ihrem Inneren herrscht ein ungewohnter Friede.
"Danke", flüstert Lise und lächelt.
In diesem Moment klingelt das Telefon.

Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu, du mein Leben.
Ich komme, bring und schenke dir was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Leib, nimm alles hin,
und lass dir's wohlgefallen.

Türchen Nummer 8

Ich bin zu spät!
Der Tag ist vorbei. Die Zeit ist vertan.
Ich hab sie verbraucht, mit Arbeit gefüllt, mit der Wäsche verwaschen,
mit den Krümeln vom Tisch gewischt.

Du hast gewartet.
Du hast alle Zeit der Welt.
Du hast sie geschenkt, siehst, womit ich sie fülle, bist mittendrin,
hast die Ewigkeit für mich.

Himmlisch.

Es ist für uns eine Zeit angekommen, es ist für uns eine große Gnad´.
Unser Heiland, Jesus Christ, der für uns, der für uns, für uns Mensch geworden ist.



Mittwoch, 7. Dezember 2016

Türchen Nummer 7

"Dürfen wir wenigstens fernsehen, Mama?"
Till schaute seine Mutter mit dem Blick an, der ihm meistens Erfolg beim Betteln verschaffte. Große Kulleraugen und eine leicht vorgeschobene Unterlippe. Diesmal hätte er sich allerdings gar keine Mühe machen müssen.
"Ja, ja, macht, was ihr wollt. Die Hauptsache ist, dass ihr ruhig seid und uns auf keinen Fall stört. Hast du das verstanden?" Till nickte eifrig. Ein bisschen besorgt war er schon, denn seine Mutter wirkte ziemlich angespannt.
"Das gilt auch für dich, Thorben." Der Angesprochene brummte ein "Schon klar", sah aber nicht von seinem Handy auf. "Dieses Gespräch entscheidet, wie es mit Uroma weiter geht. Die Leute vom Pflegedienst haben sich extra die Zeit genommen, damit wir alles klären können. Also benehmt euch und kommt nicht ins Esszimmer. Es wird lange dauern, aber ihr habt alles hier, was ihr braucht. Thorben, du trägst die Verantwortung."
"Ja... schon klar."
Till warf seinem großen Bruder einen Blick zu, denn schlang er die Arme um die Taille seiner Mutter.
"Wir werden schon lieb sein", sagte er und drückte sich an sie. Dann ließ er los und hüpfte zu Thorben auf das Sofa. Er schnappte sich die Fernbedienung und wählte ein Kinderprogramm.
Die Mutter seufzte, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Türchen Nummer 6

Die Weihnachtsengel: ein Quiz

1.) Wo kann man im Neuen Testament die Berichte über die Engel nachlesen, die an der Weihnachtsgeschichte beteiligt sind?
A) in allen vier Evangelien
L) in den Evangelien von Matthäus und Lukas
R) in der Apostelgeschichte

2.) Wie heißt der Engel, der Maria sagte, dass sie vom Heiligen Geist schwanger werden würde?
I) Gabriel
E) Michael
L) Seraphim

3.) Wie viele Engel kamen zu den Hirten?
L) unbekannt
E) zunächst nur einer, dann eine große Menge
G) zwölf

4.) Was taten diese Engel, nachdem sie die gute Nachricht überbracht hatten?
I) sie bewachten den Stall
E) sie sangen die ganze Nacht
B) sie kehrten zurück in den Himmel

5.) Wie oft begegnete dem Josef ein Engel im Traum?
E) drei Mal
T) ein Mal
N) gar nicht

Wer die richtigen Antworten weiß findet ein schönes Lösungswort :)


Hört der Engel helle Lieder


Hört der Engel helle Lieder,
klingen weit das Feld entlang,
und die Berge hallen wider
von des Himmels Lobgesang.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.

Hirten, warum wird gesungen?
Sagt uns eures Jubels Grund!
Was hat hier so hell geklungen?
Was tat euch der Engel kund?
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.

Gott hat Freude uns beschieden
durch ein neugebornes Kind.
Es bringt allen Menschen Frieden,
welche guten Willens sind.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.
Gloria, Gloria, Gloria, Gloria in excelsis Deo.


Text und Melodie: aus Frankreich. Dt. Textfassung von Otto Abel (1905-1977)

Montag, 5. Dezember 2016

Türchen Nummer 5

Ich bin unsichtbar.
Ich bewege mich Tag für Tag unter hunderten von Menschen, aber sie sehen mich nicht.
Vielleicht bemerken sie das Hindernis, dem sie ausweichen müssen. Vielleicht das gelbe Schild, das vor dem Ausrutschen warnt.
Vielleicht bemerken sie sogar den blau-weiß gestreiften Kittel und den Wischmobb, aber ich selbst bin unsichtbar.
Seit siebzehn Jahren arbeite ich in diesem Krankenhaus. Um mich herum schwirren Stimmen. Leute eilen mit hastigen Schritten durch die Flure. In Patientenzimmern liegen Männer und Frauen. Sie sind stumm. Manchmal redet einer, den lange niemand besucht hat. Er redet mit mir, aber ich glaube, er meint eigentlich einen anderen.
Ich will mich nicht beklagen. Mein Job ist gut. Ja, ich finde ihn sogar befriedigend. Ich mag es, wenn hinter mir die Fußböden glänzen. Wenn die Waschbecken sauber sind, die Toiletten nicht mehr stinken und die Mülleimer leer sind, dann fühle ich mich gut. Ich weiß, dass meine Arbeit wichtig ist. Auch wenn sonst keiner das zu wissen scheint.
Früher hatte ich natürlich eine ganz andere Vorstellung davon, wo ich mit zweiundvierzig Jahren sein wollte. In diesem Alter wäre ich eine Berühmtheit gewesen. Als ich klein war, sagten mir alle, die mich kannten, dass ich nach dem Abitur unbedingt zur Oper gehen müsse. Das war genau meine Meinung. Singen war mein Leben. Singen und schauspielern. Ich hörte den ganzen Tag Kassetten mit Opernmusik, sang alles nach, was mir zu Ohren kam und schlief am Abend mit den klassischen Werken ein, die aus dem Radio im Wohnzimmer bis in meine Schlafecke klangen. Sobald ich alt genug war nahm ich Gesangsunterricht. Ich strengte mich an, um gute Noten in der Schule zu bekommen und bewarb mich frühzeitig auf einen Studienplatz.
In Gesangswettbewerben war ich immer eine der ersten, und meine Lehrerin empfahl mich an der besten Universität des Landes.
Dann wurde ich schwanger.
Ich weiß, es klingt einfach dumm. Wie kann man nur so dumm sein. Jeder weiß doch, dass es nicht gut gehen kann, wenn man sich auf einen Kerl einlässt, obwohl man gerade dabei ist, die ersten Stufen der Karriereleiter zu erklimmen.
Ich will mich nicht heraus reden. Natürlich war es meine Verantwortung. Es war meine eigene Entscheidung. Ich habe das Kind behalten. Eine kurze Pause im Studium, nur ein Semester, dann könnte ich bestimmt weitermachen. Ach, ich war wirklich dumm. Natürlich ist er nicht bei mir geblieben, als er es erfahren hat. Eine vielversprechende Studentin ist attraktiv, aber eine vielversprechende schwangere Studentin wird unsichtbar. Das habe ich damals erlebt.
Ich musste mir einen Job suchen, um mein Studium und mein Kind zu finanzieren. Ein paar Stunden putzen, kein Problem.
Ich habe es nicht geschafft. Das Studium kam zu kurz, ich schaffte es nicht zu allen Proben und Auftritten. Ich fand keinen Babysitter. Ich verlor meine Stimme.
Nicht die normale Stimme. Mit meinem Kehlkopf und den Stimmbändern war alles in Ordnung. Ich verlor mein Herz und meine Seele. Ohne Herz und Seele kann ich nicht singen, es geht einfach nicht.
Stattdessen fand mich ein Mann. Er heiratete mich sogar. Wir bekamen noch eine Tochter.
Ich blieb ein paar Jahre zuhause. Manchmal fand ich sogar meine Stimme wieder: abends, am Bett meiner Töchter. Ich sang ihnen Schlaflieder, und in diesen leisen Abendstunden war ich wieder glücklich.
Es dauerte nicht lange an. Ich wurde wieder unsichtbar. Diesmal hatte ich keine Ahnung wie es passierte - es passierte einfach. Wie eine alte Gewohnheit, die auf einmal wieder da ist.
Er bleib erst abends weg, dann reichte er die Scheidung ein.
Ich ging wieder arbeiten. Putze Dreck und Sorgen weg. Der Dreck kam wieder, jeden Morgen war er wieder da. Die Sorgen auch. Sie passten nicht in die Müllbeutel, und auch im Wischwasser wollten sie sich nicht auflösen.
Jetzt habe ich mich daran gewöhnt.
Ich bin einfach, wer ich bin. Irene, die Putzfrau, deren Namen keiner kennt. Die Unsichtbare, die mal einen Traum hatte.
Aber vor zwei Wochen passierte etwas Außergewöhnliches.
Es war die Morgenschicht, die ich am liebsten übernehme.
Ich fing um vier Uhr morgens an zu putzen, oben in der Chirurgie. Bis kurz vor sechs hatte ich mich schon bis hinunter in den Leichenkeller vorgearbeitet.
Es macht mir nicht viel aus, dort sauber zu machen: wenigstens bin ich dort allein. Der Pförtner schließt mir den Fahrstuhl auf, und dann putze ich die Räume. Alles ist still. Vielleicht bin ich komisch, aber dieser Ort ist der einzige, an dem ich noch singe.
Ich singe alte Lieder, ruhige, traurige zumeist. Schlaflieder manchmal, oder Totenmessen. Keiner hört mich.
Bis auf diesen einen Morgen um sechs Uhr siebzehn. Ich weiß die Zeit so genau, weil mein Blick ausgerechnet auf die runde Uhr im Flur fiel, als ich erschrocken aufblickte.
Ich hatte nicht gehört, dass jemand gekommen war. Ich war eben am Ende des ersten Satzes der Messe angekommen, da stand sie vor mir: eine junge Frau im grünen Kittel. "Guten Morgen", lächelte sie. "Es tut mir Leid, ich muss durch ihr frisch Gewischtes laufen." Mit der Hand wies sie auf den Raum am Ende des Flures. In ihren Augen entdeckte ich ehrliches Bedauern. Als ob es ihr tatsächlich schwer fiele, meine Arbeit zu stören.
"Nicht schlimm", brachte ich hervor. Sie passierte und ging vorsichtig, mit großen Schritten und auf Zehenspitzen über den nassglänzenden Flur. Kurze Zeit später kam sie zurück, eine Akte unter dem Arm.
"Jemand hat versehentlich eine Krankenakte mit hier hinunter gegeben, die wir noch brauchen", erklärte sie, als sei ich nicht unsichtbar. "Bitte entschuldigen Sie die Störung. Und vielen Dank, dass Sie das Krankenhaus so wunderbar sauber halten!" Sie lächelte mich noch einmal an. Ein strahlendes Lächeln, mit dem sie mir voll ins Gesicht blickte. "Einen schönen Tag noch!"
Sie verschwand im Fahrstuhl. Ich schluckte, schüttelte den Kopf und wischte ihre Fußspuren weg. Auf meinem Gesicht stand noch ihr Lächeln, als ich meinen Wagen wieder in den Aufzug schob.
Die junge Frau begegnete mir in den folgenden Tagen noch öfter. Sie war Schwesternschülerin und arbeitete auf der Onkologiestation.
Immer wenn sie mich sah wechselten wir ein paar Worte.
Sie hatte wenig Zeit, war immer zwischen den Krankenzimmern unterwegs, aber mindestens einmal am Tag blieb sie kurz bei mir stehen. Sie machte mir ein Kompliment für meine Singstimme, die sie im Keller gehört hatte. Sie fragte mich, wie es mir ginge. Sie erzählte von dem Wohnheim, in dem sie lebte, und dass sie oft Heimweh habe. Einmal brachte sie mir einen Kaffee mit, als sie zur Frühschicht kam.
Das war in den Tagen vor Weihnachten.
Am Heiligabend war sie nicht im Dienst. Natürlich nicht. Es waren kaum Patienten da. Ich putzte meine übliche Runde. Der letzte Flur war der vor dem Andachtsraum des Krankenhauses. Es war Viertel vor vier, und die Gänge lagen wie ausgestorben.
Eben schob ich meinen Putzwagen an der Glastür vorbei, da schaute jemand um die Ecke.
"Frau Kassidis!" Ich zuckte zusammen. Wer kannte meinen Namen? Sicher, er stand am Kittel, aber ich war doch unsichtbar.
"Frau Kassidis, haben sie einen Moment Zeit?"
Es war die nette Schülerin. Sie trug keinen Kittel, sondern Jeans und einen dunkelblauen Pullover. Ihr Haar, das sie normalerweise in einem festen Dutt trug, hing offen über die Schultern. Es sah sehr hübsch aus.
"Ich... ja, ich habe Zeit."
Den Wagen parkte ich dicht an der Wand, dann folgte ich ihr in den Andachtsraum.
Er war nur schwach beleuchtet. Ein großer Stern hing von der Decke, am Weihnachtsbaum funkelten goldene Kugeln und tausend kleine Lichter. Die Stuhlreihen waren in einem Halbkreis ausgerichtet. Alles lief auf einen Punkt vor dem Tisch zu, der als Altar diente.
Dort stand eine Krippe.
"Ich helfe dem Pastor bei der Andacht nachher", erklärte das Mädchen. Ihre Stimme klang ein wenig verlegen. "Ich wollte Sie fragen... ob sie sich hier wohl fühlen würden. Ich meine: wenn Sie ein Patient wären. Ich möchte, dass die Menschen sich geborgen fühlen, wenn sie nachher kommen."
Die Worte drangen nur halb an mein Ohr.
Ich stand im Mittelgang zwischen den Stühlen und starrte auf die Krippe. Nur ein paar Schritte trennten mich von dem Holz und dem Stroh ... und von dem Kind. Da lag es und schaute nach oben zur Decke. Niemand war da, keine Maria, kein Josef, kein Ochse und nicht mal ein Esel. Nur das Kind, und es war wach. Musste es nicht schrecklich einsam sein?
Fühlte es sich nicht genauso verlassen wie ich, in diesem großen Krankenhaus, das ebenso gut mein Zuhause sein könnte, so lange wie ich hier schon arbeitete?
Hatte es nicht Angst, war es nicht erschüttert über die Leere, in der es sich plötzlich wiederfand? Brauchte es nicht seine Mutter, die es halten und wiegen und für es singen sollte?
"Es ist..." Ich wollte ihr wirklich helfen, dieser netten Schülerin. Aber ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nicht sagen, ob es schön war oder nicht. Ich schluckte, um den Kloß in meinem Hals los zu werden.
Da fühlte ich ihre Hand auf meiner Schulter.
"Es ist okay", sagte das Mädchen leise.
Meine Füße bewegten sich auf die Krippe zu. Das Mädchen hielt mich nicht auf.
Mit zitternden Händen nahm ich das Kind aus dem Stroh, kniete mich neben die Krippe und drückte das Baby fest an mich.
Ich war eine schlechte Mutter gewesen. Ich hatte versagt. Ich hatte meine Träume aufgegeben, und hatte meine Töchter mit Hoffnungslosigkeit infiziert. Ich hatte versagt.
Ich drückte das Baby an mich, wiegte den Körper hin und her und weinte. Die Tränen flossen heiß über meine Wangen. Wie gut das tat. Wie gut das tat.
Dann, plötzlich, öffnete sich mein Herz. Meine Seele streifte meine Kehle und sang.

Schlaf mein Kindchen, schlaf ein Schläfchen, Babuschki Baju.
Silbermond und Wolkenschäfchen schaun von oben zu.

Ich spürte, wie die Schale um mein Herz aufbrach. All die Schuld. All mein Versagen.

Märchen weiß ich, Wiegenlieder sind in deiner Ruh. Schlaf und schließ die Augen beide, Babuschki baju.

Ich fühlte, wie er mich umarmte. Die Umarmung des Vaters, den ich in all den Jahren vergessen hatte. Er schloss mein Herz und meine Seele fest in seine Arme, fester und zärtlicher als ich das Baby halten konnte. Ich hatte ihn so lange vergessen, diesen himmlichen Vater.

Schlaf mein Kind, du sollst einst werden wohl ein großer Held, der als Retter dieser Erde, und das Heil der Welt.

Als der letzte Ton in den Ecken des Raumes verhallte bemerkte ich das Mädchen, das neben mir kniete. Es weinte, so hell und glücklich wie ich.
Ich legte das Kind zurück in die Krippe, stand auf und umarmte das Mädchen.

"Es ist schön so", sagte ich leise und ging zurück zur Tür.
Dort drehte ich mich um und sah zurück zur Krippe.
"Es ist schön so", wiederholte ich fest.
"Es ist wirklich Weihnachten."

Ich schob den Putzwagen auf den Flur und setzte meine Arbeit fort. Nie habe ich mit so viel Freude gearbeitet. Niemals zuvor. Der Boden strahlte. Mein Herz strahlte.
Was immer morgen kommen würde, mein Vater hatte mich nicht vergessen. Er war mir begegnet, in seinem Sohn, dem Heil der Welt. Er hatte mich Unsichtbare die ganze Zeit gesehen.

Er würde mich nie vergessen.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Türchen Nummer 4

Herr, so groß ist deine Liebe
dass du zu mir kommst
von deinem Thron
um mich in die Arme zu nehmen.

In einem Stall kamst du zur Welt.
Vielleicht war ich der Hirte,
der dir seine Angst schenkte
weil du sie in Freude verwandelst.

Durch das Land bist du gezogen,
auf staubigen Straßen, mit zerrissenen Schuhen
und hast gepredigt.
Habe ich dir zugehört, Herr, und vertraut?

Ans Kreuz haben wir dich geschlagen.
Dort bist du gestorben, blutend und allein.
Habe ich um dich geweint, Herr?
Auferstanden bist du - lebst du in mir?

Samstag, 3. Dezember 2016

Türchen Nummer 3

Oh, Tannenbaum, oh Tannenbaum...
Du bist jedes Jahr eine Herausforderung. Bevor ich meinen eigenen Haushalt hatte war alles ganz einfach. Meine Eltern besorgten einen Baum, meine Mutter schmückte ihn, und fertig. Wundervoll. Das einzige Problem, an das ich mich aus diesen längst vergangenen Zeiten erinnern kann ist mein Kater Robert - liebevoll Bobbi genannt - der der Ansicht war, dass silberne Glaskugeln zum Spielen, und elektrische Lichterketten zum Durchbeißen gedacht sind.
Die wahren Schwierigkeiten begannen, als mein Mann und ich eine eigene Wohnung bezogen. Diese kleine Dachgeschosswohnung in einem Leipziger Altbau war einfach prädestiniert für ein himmlisches Bäumchen - gegen das mein frisch Angetrauter sein Veto einlegte. Kein Baum. Weihnachtsbäume sind heidnisch und machen nur Arbeit.
In den ersten beiden Jahren unserer Ehe nahm ich also mit dem Tannenbaum im Gemeindesaal Vorlieb, zumal wir Weihnachten sowieso bei unseren Familien feierten.
Aber im dritten Jahr unserer Ehe - wir hatten mittlerweile zwei Kinder und lebten in einer größeren Wohnung - da konnte ich ihn überreden, meinen Mann.
Der Baum war toll. Glaube ich jedenfalls, denn, ehrlich gesagt, kann ich mich nur an seine kümmerlichen Überreste erinnern. Das liegt daran, dass wir den Baum nach Weihnachten zersägten, die Nadeln zusammenfegten und alles zusammen in einer blauen Mülltüte auf dem Balkon zwischenlagerten.
Dort stand die Tüte in etwa bis Mitte August. Am darauf folgenden Weihnachtsfest fuhren wir wieder zu unseren Familien. Die blaue Mülltüte war des Argumentes genug.
Aber, oh Tannenbaum... auf dieses Fest folgte ein weiteres. Mittlerweile zehn Weitere. In all diesen Jahren zierten Tannenbäume unsere Feste. Denn die Kinder wuchsen, die Familie wuchs, und die Entfernung unseres Wohnortes zu dem der Großeltern wuchs ebenfalls.
Das Weihnachtsbudget wuchs allerdings nicht, und deshalb schmücken unser Fest meist sehr kreative Tannenbäumchen.
Solche, die aus großen Abfallästen von mir gebunden wurden. Ganz billige zuweilen, die mehr Stamm als Nadeln trugen. Oder ein Tannenbaumersatz in Form eines Buchsbäumchens im Topf, das leider die Zeit bis zur geplanten Auswilderung nicht überstand.
Aber im letzten Jahr, da hatten wir ein tolles Exemplar.
Eins mit einem herrlichen grünen Kleid, das uns eine Menge über Hoffnung und Beständigkeit lehren wollte.
Es war ein wirklich schöner Tannenbaum, den ich mit Hilfe meiner Mutter in dem von lieben Nachbarn geliehenen Christbaumständer in unserem Wohnzimmer aufrichtete. Mit Hingabe wurde er von den Kindern geschmückt - bunte Kugeln aus zartem Glas, Lichter, Glöckchen und Schokozapfen. Eine Augenweide. Ein Gedicht.
Eine Katastrophe.
Nach getaner Pflicht am Heiligabend nämlich machte unser Baum schlapp.
Von wegen Beständigkeit. Des Morgens weckte ich meine Mutter, die im festlichen Wohnzimmer auf dem Sofa übernachtet hatte. Sie war blass um die Nase und bat mich, mich zu setzen bevor ich das Licht anmachte.
Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. Was war passiert? Hatte sie eine schlimme Nachricht bekommen? Ging es jemandem aus unserer Familie schlecht? Hatte jemand einen Unfall gehabt?
Nein, nein. Allen ginge es gut, auch ihr selbst. Nur einem nicht: dem Tannenbaum.
Ich knipste das Licht an und sah sie, die Bescherung: Sie lag begraben unter einem Wald von Nadeln und Sand. Mitten in der Nacht habe sie ein Rauschen gehört, berichtete meine Mutter. Und bevor sie herausfinden konnte, woher es kam, sei er schon gefallen. Der ganze Baum mit all seinen schönen Kugeln.
Ich glaube, meine Mutter erwartete Verzweiflung und Entsetzen von mir, aber ich konnte nur lachen.
Wie gut, dass der Baum nicht auf meine Mutter gefallen war. Alles andere war kein Problem. Wir richteten den Baum mit vereinten Kräften wieder auf, fegten Sand und Scherben zusammen und banden die Tanne an der Balkontür fest. So schön ich funkelnde Weihnachtsbäume auch finde, sie sind doch nicht die Hauptsache am Fest. Die ist und bleibt für mich, dass Gott für uns zur Welt kam, um uns zu begegnen.
Eigentlich nett von unserem Tannenbaum, uns mit seinem Abgang daran zu erinnern.
Oh Tannenbaum, du bist wirklich für Überraschungen gut. Aber für dieses Jahr haben wir uns eine Alternative überlegt - eine standfeste.

O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.

O Tannenbaum, o Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen.
Wie oft hat doch zur Weihnachtszeit ein Baum von dir mich hoch erfreut.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen.

O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren.

 

Freitag, 2. Dezember 2016

Türchen Nummer 2

Tina zog an ihrem Schal und wippte ungeduldig auf den Zehenspitzen hin und her. Der nasskalte Wind drang bis unter ihre dicke Winterjacke, und auf ihrer Stirn sammelten sich Regentropfen.
Über die digitale Anzeige an der Bushaltestelle lief hartnäckig der Schriftzug: "Verspätungen auf allen Linien aufgrund erhöhten Verkehrsaufkommens".
Ich hasse Weihnachten, dachte Tina und warf den anderen Wartenden einen bösen Blick zu. Jeder zweite trug riesige Papiertaschen und Einkaufstüten mit sich herum. Ein Kind im Buggy klebte Zuckerwatteflocken an der Mantel eine Dame mit Hund. Die Mutter sprach aufgeregt in ihr Handy. Ein Mann mit Stock suchte Schutz unter dem schmalen Dach des Unterstandes. Er blickte grimmig drein, weil ihm dort der Rauch einer Zigarette ins Gesicht geblasen wurde.
Im Rücken hatte Tina den Weihnachtsmarkt. Besser gesagt, eine kleine Ansammlung von Buden, in denen Süßkram, Bratwürste und Papiersterne verkauft wurden. Aus einem Lautsprecher dudelte Weihnachtsmusik.
"Linie M23 - 12 Minuten". Immerhin, endlich eine konkrete Anzeige. Von dem Gedanken, sich noch eine knappe Viertelstunde die Beine in den Bauch zu stehen war Tina zwar nicht angetan. Trotzdem war es immerhin ein Hoffnungsschimmer.
Eine Böe fegte nasse Plastiktüten über den Gehweg und klatschte dem Mädchen Regen ins Gesicht.
"Leise rieselt der Schnee..." sang das liebliche Stimmchen aus dem Lautsprecher. "... weihnachtlich glänzet der Wald. Freue dich, ´s Christkind kommt bald."
Genervt fummelte Tina an dem Kabel in ihrer Jackentasche und stopfte sich den Kopfhörer ins Ohr. Just in diesem Moment verabschiedete sich der Akku ihres Handys mit einem Brummen, und das Display wurde schwarz.
"... Sorge des Lebens verhallt, freue dich, ´s Christkind kommt bald."
Tina fluchte leise. Bis sie zuhause war, würden noch mindestens fünfundvierzig Minuten vergehen. Fünfundvierzig Minuten im Regen, oder in einem überfüllten Bus, in dem es nach nassem Hund riechen würde. Und das ohne Musik und Nachrichten. Dafür wollte dieses komische Weihnachtslied jetzt der Soundtrack ihres Lebens werden.
"... Hör nur wie lieblich es schallt, freue dich, ´s Christkind kommt bald."
Tina versuchte sich zu erinnern, wann sie aufgehört hatte, an den Weihnachtsmann zu glauben. Vermutlich damals, als sie drei war und Papa vergessen hatte, den Rauschebart abzunehmen, als er Streit mit Mama anfing.
Mit einem Kopfschütteln versuchte Tina den Gedanken zu verscheuchen, aber da war er nun. Der Weihnachtsfrust. Von wegen Schnee und Harmonie und verhallende Sorgen. In Wirklichkeit war Weihnachten doch nur Regen, Stress und verdrängte Konflikte, die genau dann eskalierten, wenn die Gans angeschnitten wurde.
Da hatte es noch nie geholfen, dass angeblich das Christkind bald kam. Zumindest war es nie bei ihr aufgetaucht. Inzwischen strichen Geigentöne an Tinas Ohr vorbei, irgendein anderes Lied mit festlicher Stimmung. Christkind. In welchem Zusammenhang stand das eigentlich noch mal mit dem Weihnachtsmann? War das geflügelte Wesen mit Löckchen, Babygesicht und Heiligenschein Santas Helfer oder sein Chef?
"Linie M23". Es waren höchstens vier Minuten vergangen seit der letzten Anzeige, aber da kam tatsächlich der Bus angefahren. Mit leisem Quietschen hielt das Gefährt an der Haltestelle, und ein Schwall von Menschen ergoss sich auf den Bürgersteig. Tina drängte sich gegen den Strom in Richtung Einstiegstür. Zu ihrer Überraschung fand sich ein Sitzplatz im oberen Stock. Sie ließ sich auf die grau melierte Bank fallen und atmete erleichtert auf. Der Bus setzte sich in Bewegung, nur um gleich darauf an der Ampel wieder stehen zu bleiben.
Tinas Blick glitt über die Ansammlung von Holzbuden, Menschen und Autos draußen im Regen.
"Freue dich, ´s Christkind kommt bald."
Gerade, als die Ampel auf Grün sprang, fing sich Tinas Blick an einer kleinen Szene mitten im Verkaufsgewusel. Sie blinkte und glitzerte nicht. Sie hatte kein Lebkuchendach, und war nicht einmal mit einer Lichterkette geschmückt. Genau genommen war sie noch nicht einmal richtig aufgebaut.
Der Bus bog auf die linke Fahrspur, und Tina verlor die Szene aus den Augen.
Doch das Bild brannte sich in ihr Herz.
Es tat ihr weh, und es machte sie heil.
Die Holzlatten auf dem nassen Asphalt. Der Mann aus Holz, müde gegen eine Bretterwand gelehnt. Die Mutter, von deren blauem Holzgewand Wasser troff. Und das Baby.
Es lag mitten in Wind und Wetter, die nackten Arme in die Luft gestreckt, glänzend vom Regen.
Was Tina weh tat, das war die Kälte. Die Grausamkeit, dieses Baby ohne Decke, ohne Dach  in einem Holzgestell auf den Marktplatz gestellt zu sehen.
Was sie heil machte, das waren seine Augen.
Das Baby hatte sie angeschaut. Nicht ängstlich, nicht verfroren, nicht vorwurfsvoll, wie sie es erwartet hatte. Nicht enttäuscht über die Nachlässigkeit, mit der es behandelt wurde.
In ihrem Herzen hallte sein Blick nach.
Dieses Baby war das echte Christkind.
Sein Blick war voller Liebe.

Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See.
Weihnachtlich glänzet der Wald. Freue dich, ´s Christkind kommt bald.

In den Herzen ist´s warm, still schweigt Kummer und Harm.
Sorge des Lebens verhallt. Freu dich, ´s Christkind kommt bald.

Bald ist Heilige Nacht. Chor der Engel erwacht.
Hör nur wie lieblich es schallt. Freue dich, ´s Christkind kommt bald.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Türchen Nummer 1

Der arme Rudolph.
Schon als kleines Rentierbaby wurde er belächelt. Klar, seine Mutter hatte ihn lieb. Rudolph ist das allerwunderbarste Rentierbaby der Welt, dachte sie. Wenn die anderen Rentiermütter ihren Kleinen mit einem abfälligen Lächeln bedachten, während sie sich unbeobachtetet fühlten, dann stellte sie sich einfach stolz neben ihn und sah sie herausfordernd an. Ihr seid doch nur neidisch, sagte ihr Blick, dass eure Kinder einfach nur gewöhnlich sind.
Aber Mama Rentier konnte Rudolph nicht ewig beschützen.
Spätestens, als Rudy in den Rentierkindergarten gehen musste fing es an: Die anderen Kitze lachten ihn aus. Sie machten Witze über ihn. Sie ließen ihn nicht mitspielen.
Schon wenn er morgens durch das Gatter trottete ging es los: "Guckt mal, da kommt Rudolph! Leuchtenase! Glühbirne! Mutantenkarotte!"
Das einzige Spiel, bei dem Rudolph mitmachen durfte, war Verstecken. Wer wurde immer als erstes gefunden? Rudolph, das rotnasige Rentier.
Ich werde niemals Freunde haben, dachte Rudolph deprimiert. Je älter er wurde, desto öfter stand er allein am Rand der Herde und fragte sich, wozu um alles auf der Welt er überhaupt auf der Welt war.
Er und seine rote Nase. Das Leben war ungerecht. Andere Rentiere boxten der ganzen Tag Rentierkinder und bekamen nicht einmal den Hauch einer roten Nase. Andere klauten Santa das Wodkafäßchen - danach hatten sie Schlagseite, aber ihre Nase kam farblich noch immer nicht an die von Rudolph heran.
Was hatte er bloß getan, dass ausgerechnet er, der liebe, brave, angepasste Rudolph eine so schrecklich auffällige Nase hatte? Nein, es war wirklich ungerecht. Und das Schlimmste war: es würde sich niemals ändern.
Rudolph starrte nächtelang über den Gatterzaun in die Dunkelheit und wünschte sich, ein Wolf würde kommen und seinem sinnlosen Leben ein Ende bereiten.
Und dann war da dieser eine trübe Dezemberabend.
Die Herde war nervös, denn es war Heiligabend - der wichtigste Tag im Rentierkalender - und das Wetter war einfach miserabel.
Die Tower-Rentiere wollten dem Schlitten keine Startfreigabe erteilen, weil es schlichtweg zu neblig war. Gerüchte gingen, dass Weihnachten aufgrund der widrigen Witterung auf den 6. Januar verschoben werden müsste. Nervös schlürften die Zugrentiere ihre Proteindrinks, obwohl die Hoffnung sank, dass sie heute noch aufbrechen konnten.
Da kam Santa angestapft. Die Rentiere konnten ihn zwar kaum sehen, aber sie kannten seinen Schritt. Santas Stiefel arbeiteten sich ohne Zögern durch das gatter. Vorbei an tuschelnden Rentierdamen. Vorbei an schwitzenden Rentiermachos, die ihre Muskeln schon erwärmt hatten. Vorbei an den selbstbewussten Zugtieren mit ihren Proteindrinks. Schritt für Schritt durchquerte der alte Mann den Pferch, Schritt für Schritt kam er auf ihn zu: auf ihn, Rudolph, den schrägen Typ mit der bescheuerten roten Nase.
"Guten Abend, Rudolph", dröhnte seine durchdringende Stimme über die dick verschneite Koppel. Jedes Rentier, vom Baby bis zum Greis, stellte die Ohren auf.
"Hast du schon jemals einen so dichten Nebel am Heiligabend erlebt?" Rudolph konnte nur den Kopf schütteln. Die Sprache hatte es ihm verschlagen.
"Tja, eigentlich können wir nicht starten. Bei dem Nebel bin ich ohne Schlittenbeleuchtung hoffnungslos verloren."
Ein Seufzen ging durch die Herde. Weihnachten sollte ausfallen? Unvorstellbar.
"Aber", fuhr Santa fort, und ein Lächeln schwang in seiner Stimme: "Zum Glück haben wir ja dich!"
Er war es gewohnt, angestarrt zu werden. Aber jetzt ging es ihm durch Mark und Bein, zu fühlen wie hundert Rentieraugen sich durch den Nebel bohrten.
"Wie sieht es aus, Rudolph: würdest du heute gern mein Leittier sein? Deine Nase wird mir den Weg leuchten. Das ist unsere Chance, Weihnachten zu retten."
Die Zugtiere verschluckten sich an ihren Proteindrinks. Drei Rentierfrauen fielen vor Erleichterung in Ohnemacht. Der Obermacho startete eine Laolawelle.
Rudolphs Nase intensivierte ihre Strahlkraft um 105 000 Lux.
An diesem Weihnachtsabend startete Santas Schlitten pünktlich und ohne Schwierigkeiten. Die Route über Europa nach Kanada und durch den Rest der Welt verlief zum ersten Mal komplett ohne Verfliegungen.
Im fernen Kalifornien entdeckten Ufologen ein unbekanntes Flugobjekt, und Millionen von Geschenken wurden punktgenau ausgeliefert.
Das alles verdankten die Menschen dieser Welt einem Rentier, das sein Leben lang geglaubt hatte, Gott habe einen Fehler gemacht, als er es mit einer knallroten Nase zu Welt kommen ließ.
Aber so ist das eben: was allen Anderen, und vielleicht sogar dir selbst wie ein ungerechter Makel vorkommt, das kann irgendwann in die Geschichte eingehen. Du musst nur bereit sein.


Rudolph, the red-nosed reindeer
Had a very shiny nose
And if you ever saw it
You would even say it glows

All of the other reindeers
Used to laugh and call him names
They never let poor Rudolph
Join in any reindeer games

Then one foggy Christmas eve
Santa came to say
Rudolph with your nose so bright
Won't you guide my sleigh tonight


Then all the reindeers loved him

As they shouted out with glee
Rudolph the red-nosed reindeer
You'll go down in history