Dienstag, 19. Dezember 2017

Ein Jahr danach

Am 19. Dezember 2016 war ich mit ein paar meiner Kinder auf dem Weihnachtsmarkt.
Ich postete ein Foto von uns auf Facebook und bekam kurze Zeit später besorgte Anfragen: "Anni, wo seid ihr? Geht es euch gut? Ihr seid hoffentlich nicht am Breitscheidplatz?"
Das war der Moment, in dem ich von dem Attentat erfuhr, bei dem zwölf Menschen ahnungslose Besucher des Weihnachtsmarktes ihr Leben verloren.
Matthias und ich trommelten Helfer zusammen. Wir machten heiße Getränke fertig und stiegen in den Einsatzwagen der Heilsarmee um an den Ort des Anschlags zu fahren. Seelsorge und ein bisschen äußere Wärme wollten wir denen anbieten, die an diesem eiskalten Abend von dem unvermittelten Angriff erschüttert wurden. Während wir auf unseren Babysitter warteten schrieb ich in mein Tagebuch: "Wir haben euch lieb, Kinder. Egal, was passiert."
Würde es noch Folgeattentate geben? Der Täter war flüchtig. Würden er oder eventuelle Mittäter versuchen, noch weitere Menschen zu schädigen?
Es war bedrückend, durch die immer leerer werdenden Straßen zu fahren. Irgendwann passierten wir eine von Polizisten mit Maschinengewehr bewachte Menschenmenge, dann leergefegte Straßen, auf denen überall Blaulicht blinkte.
Dazwischen Weihnachtsglanz. Die Straßen geschmückt mit Lichterketten.
Auf dem Breitscheidplatz der große Baum und bunte Buden.
Wir kamen in die abgesperrte Zone, mussten warten, wurden weitergeleitet, mussten wieder warten.
Weil die Betroffenen selbst bereits von anderen Organisationen versorgt wurden, teilten wir ein paar Becher Tee an Pressevertreter aus, die Kabel und Kameras durch die kalte Nacht trugen. Dann fuhren wir weiter, kamen mit ein paar Menschen vor Ort ins Gespräch, versorgten noch einen Obdachlosen in einer Nebenstraße und kehrten heim. In dieser Nacht wurde unsere Hilfe nicht weiter gebraucht.
Zumindest nicht die praktische Hilfe. Denn in der Wartezeit beteten wir sozusagen "ohne Unterlass". Eine Gebetsgruppe hatte sich zusammengefunden, wir tauschten uns über WhatsApp aus und bestürmten Gott, den Opfern, die verletzt waren, zu helfen. Den Angehörigen der Toten beizustehen. Die Rettungskräfte und Notfallseelsorger zu stärken. Den Täter aufzuhalten.
Am nächsten Tag fuhr der Einsatzwagen wieder hinaus, und diesmal gab es viele Gespräche. Es flossen Tränen, die Grausamkeit des Anschlags ließ die Menschen fassungslos.

Ein Jahr später feiern wir wieder Weihnachten, genauso selbstverständlich wie 2016.
Nichts hat sich geändert. Weder in der Welt, die immer noch täglich von Krieg und Terror zu berichten hat, noch auf den Weihnachtsmärkten mit ihren Glühweinbuden und Lebkuchenherzen.
Durch die Straßen laufen Menschen mit froher Erwartung und Menschen mit schwerem Herzen.
So war es 2016, so ist es 2017. Vielleicht wird es auch 2018 so sein.
Und so war es auch zu dieser Zeit in Israel - um welches Jahr und welchen Monat genau es sich auch immer gehandelt haben mag - als Maria schwanger nach Bethlehem unterwegs war.
Es war finster in der Welt, und über dem Leben schwebte, immer präsent, der Hauch des Todes.
Wir können uns dem nicht entziehen.

Aber was wir spürten, als wir im Einsatzwagen schweigend durch die abgesperrten Straßen fuhren, die Wolke von Tod und Trauer beinahe greifbar um uns herum, war: Gott ist das Leben. Jesus Christus ist Gott, der als Mensch in das Dunkel eintaucht. Der dem Tod entgegentritt, und der die Macht hat, ihn für immer zu verbannen, wenn es an der Zeit ist.

"In ihm (Jesus) war das Leben, und dieses Leben war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können." Johannes 1,4-5, Die Bibel (NL)

Auch das ist Weihnachten. Ich bete, dass Gott die Menschen tröstet, die jetzt das Gefühl haben, in undurchdringlicher Finsternis zu sein. Die von Trauer erdrückt werden.

Sein Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis kann es nicht auslöschen.

Sonntag, 17. Dezember 2017

(Er-)Kennst du mich nicht?

Heute Morgen war ich im Gemeindesaal damit beschäftigt, Stühle zu stellen.
Unser Gottesdienst, der normalerweise sonntags um 10.30 Uhr stattfindet, wird ausnahmsweise auf 15 Uhr verschoben - wir haben unsere Gemeindeweihnachtsfeier.
Während ich im Halbdunkel vor mich hin arbeite öffnet sich plötzlich die Tür, und eine junge Frau kommt herein. Sie sieht sich verwirrt um, zieht die Kopfhörer aus ihren Ohren und fragt auf englisch: "Ist heute kein Gottesdienst?"
Mein Gehirn fängt an zu rattern.
Ich bin mir eigentlich recht sicher, die junge Frau zu kennen. Ich kenne ihren Namen, weiß, dass sie seit ein paar Wochen in unsere Gemeinde geht und mit den anderen Mädchen in ihrem Alter zum Hauskreis geht. Ich weiß, dass sie bei den Singaktionen auf der Straße mitmacht, und dass sie eine von nur zwei Frauen mit dunkler Hautfarbe in unserer Gemeinde ist.
Aber: ich bin mir nur FAST sicher.
Denn an normalen Sonntagen trifft sich am Nachmittag noch eine andere Gemeinde in unserem Saal. Weil wir heute zu deren Gottesdienstzeit Weihnachtsfeier haben, hatten sie überlegt, ob sie dafür vormittags die Räume nutzen. In diese Gemeinde kommen sehr viele Menschen mit dunkler Hautfarbe, und nun bin ich mir unsicher, ob sie nicht eine von ihnen ist.
Schließlich ist es eine ungewöhnliche Uhrzeit, um zu unserem Gottesdienst zu kommen. Der hätte - wenn er wie normal stattfinden würde - schon vor einer Stunde begonnen.
Ist sie also die Frau uns unserer Gemeinde, für die ich sie halte und kommt theoretisch zu spät - oder ist sie jemand aus der anderen Gemeinde?
Ich erkläre ihr vorsichtig, dass unser Gottesdienst heute ausfällt und wir dafür um 15 Uhr feiern.
Und dann mache ich den Fehler.
Ich frage sie gerade heraus, ob sie zu unserem Gottesdienst kommen wollte oder zu dem anderen.
Die Entgeisterung steht ihr klar ins Gesicht geschrieben.
Wie kann ich sie nicht erkennen? Sie sei doch die einzige "dunkle" Frau in unserer Gemeinde?! (Das sagt sie so - aber es stimmt nicht ganz. Es kommen immer wieder verschiedene Leute mit allen Schattierungen in der Hautfarbe. Das liebe ich an unserer Gemeinde.)
Ich entschuldige mich wortreich und von Herzen und erkläre ihr, dass ich schon weiß, wer sie ist und auch weiß, mit wem sie befreundet ist und wo sie sich engagiert... aber offensichtlich haben wir uns noch nicht oft genug ganz persönlich unterhalten, so dass mir ihr Gesicht noch nicht so vertraut ist.
Als sie weggeht fühle ich mich wirklich schlecht.
Ich weiß, wie wichtig es Menschen ist, gekannt zu werden. Als Pastorin möchte ich auch alle meine "Schäfchen" kennen. Aber ich merke, dass die Gemeinde nun langsam so groß ist, dass ich eben doch ab und zu ins Grübeln komme.
Zum Glück kann das Gott nicht passieren. Er kennt uns ganz genau...
Aber geht es nicht genau darum an Weihnachten?
Darum, wie gut wir ihn kennen?
Viele Menschen kennen Gott vom Hörensagen. Sie haben gehört, was angeblich in der Bibel steht (selber gelesen haben sie es aber häufig nicht). Sie haben gehört, wie Gott angeblich ist, was er tut oder besser, was er ihrer Meinung nach tun sollte, aber eben gerade nicht tut.
Sie meinen, genug über Gott zu wissen, um ihn be- oder verurteilen zu können.
Aber kennen sie ihn wirklich?
Kennst du ihn? Kenne ich ihn? Kann man Gott überhaupt kennen?

Gott. Der Schöpfer, die allmächtige Kraft im Universum, die geheimnisvolle Macht, die das Schicksal der Menschen lenkt... ist er nicht unnahbar und mysteriös, zu hoch für den menschlichen Verstand?
Ja. Ist er.
Aber es war nicht immer so. Am Anfang - nachzulesen im 1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2, lebten die Menschen im Garten Eden mit Gott zusammen. Er hatte sie eigenhändig nach seinem Ebenbild geschaffen und begegnete ihnen auf Augenhöhe. Dann rebellierten die Menschen gegen ihn und mussten den Garten verlassen.
Danach wurde es für lange Zeit eine komplizierte Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Sie wussten, dass es ihn gibt. Sie kannten ihn vom Hörensagen. Ein paar Menschen hatten engeren Kontakt zu ihm, hörten auf ihn, begegneten seinen Boten oder hörten seine Stimme.
Aber Gott wohnte nicht mehr direkt  mit ihnen zusammen. Er schuf Begegnungspunkte, blieb aber irgendwie unnahbar.

Bis zu dieser Nacht, an die wir uns zu Weihnachten erinnern. Als es dunkel und ungemütlich war und die Menschen dachten, Gott hätte sie vergessen.
Da tat Gott, was er seit Langem beschlossen hatte, und was vor Jahrhunderten angekündigt wurde: Er kam zur Welt.
Gott, der geheimnisvolle, der unnahbare, der mächtige und heilige Gott. Er wird ein Mensch.
Er wird es ein kleines Baby, das man anschauen und halten kann. Ein Kind, vor dem keiner Angst hat, und das doch selbst Könige dazu bewegt, es ehrfürchtig anzubeten.
Ein Kind, das sich Zeit nimmt, erwachsen zu werden. Ein Mensch, der in staubigen Schuhen durch die Gegend zieht, um Menschen zu begegnen.
Gott, der mächtige, zeigt sein Gesicht. Gott, der heilige, wächst unter Menschen auf und lässt sie staunen. Gott, der unnahbare lässt sich berühren.
Das ist Weihnachten.

Lass dich doch in diesem Jahr mit dieser Begegnung beschenken. Nutze die Weihnachtszeit, um Gott kennen zu lernen. In der Bibel, im Neuen Testament*, findest du Texte, die von der Geburt Christi berichten. Wenn du sie liest, machst du dich auf den Weg zur Krippe.
Du fängst an, den Gott kennen zu lernen, der dich unendlich liebt, der dich besser kennt als dein bester Freund, und der sich danach sehnt, dass du ihn auch (er-)kennst.

Ich wünsche dir die fröhlichste Weihnacht deines bisherigen Lebens!

*Leider ist die deutsche Fassung der Webseite www.bibelserver.com, auf die ich verlinken wollte, gerade nicht nutzbar. Wenn du eine Bibel hast findest du die Texte von Jesu Geburt am Anfang des Matthäusevangeliums und des Evangeliums nach Lukas. Auch Johannes erzählt davon, wie Gott Mensch wurde.